WALLFAHRTBERICHTE

Hoffnung gibt unserem Leben Sinn und Ziel


Unter dem Motto „Maria, Mutter der Hoffnung“ fand am 13./14. Juli 2019 die 60. Gelöbniswallfahrt der Donauschwaben nach Altötting statt.


Entstehung der donauschwäbischen Gelöbniswallfahrten

Der 24. März 1946 ist in die donauschwäbische Geschichte eingegangen. Es war der Tag, an dem Pater Wendelin Gruber SJ zusammen mit seinen hoffnungslos im Vernichtungslager Gakowa (Jugoslawien) dahinsiechenden donauschwäbischen Landsleuten in einer Messfeier bei überquellendem Gotteshaus gelobte, jährlich aus Dankbarkeit zu wallfahren, „wenn wir am Leben bleiben“. Zu Pfingsten 1946 wiederholte er dieses Gelöbnis bei einem geheimen Gottesdienst im Vernichtungslager Rudolfsgnad. An dieses Versprechen erinnerte der Jesuitenpater nach seiner Entlassung aus sechsjähriger Kerkerhaft seine Donauschwaben. Bis heute wird es von Überlebenden und Bekennern bei Wallfahrten in Europa, Nord- und Südamerika jedes Jahr aufs Neue eingelöst. Längst ist es zum Klassiker donauschwäbischer Nachkriegsfrömmigkeit geworden. 1959 gründete Gruber die Gelöbniswallfahrt nach Altötting, die seither alljährlich am zweiten Wochenende im Juli als größte der donauschwäbischen Gelöbniswallfahrten stattfindet, dieses Jahr zum 60. Mal.


Eröffnungsgottesdienst

Den Eröffnungsgottesdienst in der Stiftskirche am Samstagnachmittag zelebrierten Stiftskanoniker Johann Palfi, Paul Kollar und Monsignore Andreas Straub, der mit seinen 83 Lebens- und 58 Priesterjahren seit 36 Jahren in Altötting dabei ist. Straub hielt in seiner Predigt Rückblick auf die Höhepunkte der Wallfahrt, zu denen er diejenigen mit so prominenten Teilnehmern wie den Politikern Otto von Habsburg, Barbara Stamm und Stefan Mayer zählte. Den Pilgern gab er den Gedanken mit auf den Weg, dass unser Glaube etwas sehr Einfaches, aber das Leben Erhebendes sei. Er beziehe sich auf die konkrete Person Jesu Christi. Glauben heiße deshalb, auf Jesus zu schauen, sich ihm mit allen unseren Problemen und Sorgen anzuvertrauen. – Prof. Dr. Michael Prosser-Schell vom Freiburger „Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie“ betrachtete in seinen Vortrag die Heimatvertriebenenwallfahrten in Deutschland als Zeugnisse sowohl der Integration als auch der europäischen Versöhnung. Altötting sei der Ort der allerersten großen Flüchtlings- und Vertriebenenwallfahrt im Juni 1946. Auch in Erfurt, Werl, Vierzehnheiligen, Ellwangen und Walldürn gab es solche Wallfahrten mit Spitzenwerten zwischen 20.000 und 80.000 Menschen in den ersten Nachkriegsjahrzehnten. Prosser-Schell legte einige Aufgabenfelder und Ergebnisse der neueren, immer mehr in europäischer Vernetzung betriebenen Forschung über die Integration der Heimatvertriebenen und die damit verbundenen enormen Probleme dar. Die Assimilierung war im Ergebnis ein zweiseitiger Vorgang, indem die Kultur der Flüchtlinge und Vertriebenen und ihrer Nachkommen sich geltend machte, sichtbar in ihren Museen, in ihrer Literatur, in ihren demonstrativen Festen und Brauchformen und eben ganz besonders in ihren Wallfahrten. Der Referent wies auf den neuen europaübergreifenden Martinsweg hin, der wie insgesamt 33 offizielle Kulturwege vom Europarat als „open-air“-Labor der europäischen Entwicklung angeregt wurde und an eine der Kardinaltugenden des Christentums, die Barmherzigkeit gemahnt. Als eines der schönsten Beispiele der Revitalisierung und Versöhnungsanstrengungen nannte er die Wallfahrtsbasilika Maria Radna im Banat, die aus europäischen Fonds grundlegend saniert und 2015 als Modell des gemischtnationalen Zusammenlebens neu eröffnet wurde. – Franz Metz an der Orgel gestaltete mit dem Banater Kirchenchor St. Pius aus München den Gottesdienst musikalisch.

Vorabendgottesdienst

Den Vorabendgottesdienst in der Basilika St. Anna zelebrierte Bischof József Csaba Pal aus Temeswar. – Die Predigt hielt Abt Markus Eller aus Scheyern, einem Ort im oberbayerischen Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm, der besonders durch seine Benediktinerabtei bekannt ist. Da die Glockenweihe für seine Basilika zu den schönsten und bewegendsten Erlebnissen seines Lebens zählt, waren Klang, Stimme und Aufgabe von Glocken sein Thema. Glocken sollen rufen, mahnen, aufrichten, trösten, erfreuen und begleiten, in früheren Zeiten auch alarmieren und warnen. Alarmglocken könne man aber auch aus der Stimme eines Menschen heraushören oder aus Texten und Bildern herauslesen. Die Stimme Gottes, also seine Gebote und Gesetze, gehören, so Eller, nicht in den Himmel, sondern mitten unter die Menschen, damit sie auch gehört, verstanden und gelebt werden können. Eller nahm die Geschichte vom Barmherzigen Samariter, um den alarmierenden Charakter des biblischen Wortes zu zeigen, das auf vielfältige Weise ganz nah im Mund und Herzen jedes Menschen ist und zu Güte und Liebe aufruft. – Unter der Gesamtleitung von Franz Metz wurde mit Kirchenchören aus München, Ulm und Waldkraiburg die „Missa Brevis“ von Josef Weikert (1837-1907) gesungen, einem Komponisten böhmischer Herkunft, der in Weißkirchen im Banat starb.


Prozession zur Basilika

Am nächsten Morgen bewegte sich eine Prozession aus Fahnenabordnungen, Marienmädchen, der Jugendblaskapellen Lambert Steiner sowie der Blaskapelle der HOG Sanktanna, dann der Geistlichkeit und schließlich Trachtengruppen und Pilger unter festlichen Klängen von der Gnadenkapelle zur Basilika.


Begrüßung in der Basilika und Wort des Laien

Dort begrüßte Dipl. Ing. Josef Lutz aus Sanktanna/Nürnberg, der Organisator der Wallfahrt, im Namen des St. Gerhardswerks Stuttgart die Pilger und Gläubigen sowie namentlich eine lange Reihe von Ehrengästen, darunter zuerst die drei Bischöfe und die zahlreiche Geistlichkeit, den Bürgermeister der Stadt Altötting Herbert Hofauer mit Gattin, den Staatssekretär im Bundesministerium des Innern Stephan Mayer aus Altötting sowie alle aktiv Beteiligten, dann die Vertreter des St. Gerhardswerks, der Landsmannschaften und Landesverbände, der Pilgervereine, die Delegationen aus Rumänien, Serbien und Ungarn, die Gäste aus Argentinien, Brasilien, Kanada und den Vereinigten Staaten. – Paul Nemeth (* 1965), der seit 2006 dem Landtag von Baden-Württemberg angehört und in der vergangenen Wahlperiode Beauftragter der CDU-Landtagsfraktion für die Angelegenheiten der Vertriebenen ist, richtete an die über 1200 Besucher zunächst das Wort des Laien zum Thema „Versöhnt mit der Vergangenheit und mit Hoffnung in die Zukunft“. Nemeth würdigte die Leistung der Heimatvertriebenen für den Aufbau Baden-Wüttembergs und Deutschlands. Die Geschichte, besonders die der Heimatvertriebenen, vor allem auch die schlimmen Verbrechen, die an den Donauschwaben begangen wurden, dürfe nicht in Vergessenheit geraten, sondern müsse weitererzählt werden. Solche Verbrechen ermahnen uns, das europäische Haus gemeinsam zu bauen und den Frieden in Europa zu bewahren. Der Abgeordnete, dessen Mutter Sudetendeutsche ist und dessen Vater aus Miletitsch in der Batschka stammt, ist als überzeugter Europäer mit verantwortlich für die Donauraum-Strategie. Es ist ihm ein Herzensanliegen, etwa mit Archiven und Denkmälern die Erinnerung zu bewahren, damit klar ist, dass Europa auf Wahrheit und Ehrlichkeit aufbauen muss. Nemeth schloss mit der Überzeugung, dass donauschwäbische Tugenden wie Fleiß, aufrechter Gang, Pflichtbewusstsein trotz harter Leiderfahrung, Gerechtigkeitssinn, Humor und Demut auch in Zukunft benötigt werden.


Pontifikalgottesdienst

In der Basilika zelebrierten zusammen mit Erzbischof em. Dr. Robert Zollitsch aus der Erzdiözese Freiburg auch Bischof József Csaba Pál aus der Diözese Temeswar im rumänischen Banat, Weihbischof Dr. Varga Lajos aus der Diözese Waitzen in Ungarn, weiterhin Prälat und Wallfahrtsrektor Günther Mandel als Herr des Hauses, EGR Msgr. Andreas Straub, der emeritierte Visitator der Donauschwaben aus Bayreuth, Pfr. Paul Kollar, Pfr. Robert Dürbach, Stiftskanoniker Johann Palfi sowie Diakon Herbert Lang. – In seiner Predigt erkundete Zollitsch die Hoffnung, von der wir alle leben. Große und kleine Hoffnungen tragen und prägen unser Leben, auch und gerade in Not und Bedrängnis, wie es in den Lagern Jugoslawiens und Russlands deutlich wurde. Doch wir brauchen eine Hoffnung, die uns übersteigt, die weit über unseren Alltag und unser irdisches Leben hinausreicht. Die tragende Perspektive unseres Lebens ist die zentrale christliche Botschaft, dass es mehr gibt als nur dieses Leben. Diese von Gott verheißene und verbürgte Perspektive ist es, so Zollitsch, die unserem Leben seinen Sinn und sein Ziel gibt. Eine Welt ohne Gott sei eine Welt ohne Hoffnung. Auf dem Pilgerweg der Hoffnung seien wir nicht allein, denn Jesus habe uns seine Mutter als Wegbegleiterin und Mutter der Hoffnung hinterlassen. Dies zeigt auch das aus der Not geborene, aber von Vertrauen und Hoffnung auf die erbarmende Hilfe Marias abgegebene Gelöbnis, mit dem Pater Wendelin Gruber am Vorabend des Festes Mariä Verkündigung im Vernichtungslager Gakowa gemeinsam mit leidgeprüften und fast verzweifelten Landsleuten den Blick über diese Welt hinaus richtete. In Treue zu diesem Gelöbnis finde auch diese 60. Wallfahrt in Altötting statt, bei der es nicht nur um Erinnerung und Rückschau geht, sondern ebenso um den Dank aller, die die Todeslager überlebt haben und eine neue Zukunft fanden. Für das blaue Banner Europas mit den zwölf goldenen Sternen habe das 12. Kapitel der Offenbarung des hl. Johannes mit der sternumkränzten Maria Pate gestanden. Pater Notker Hiegl, ein aus Miletitsch stammender donauschwäbischer Landsmann, sei dabei, ein kontinentales Netz von zwölf Wallfahrts- und Gebetsorten zu knüpfen unter dem Titel „Maria, Mutter Europas“. Ein Europa, das Maria zum Leitbild hat, sich unter ihren Schutz stellt und sich in ihrer Hoffnung festmacht, überwinde Nationalismus und Hass. Die Botschaft unseres harten donauschwäbischen Schicksals und unserer jährlichen Wallfahrt sei nicht Aufrechnung und Vergeltung, sondern die große Bitte an Maria, dass sie alle Menschen den Weg der Versöhnung und des Friedens führe. „Denn wo Gott ist, da ist Hoffnung. Und Maria führt uns zu ihm und zu ihr“, schloss der Erzbischof. – Die donauschwäbische Singgruppe aus Landshut unter Leitung von Reinhard Scherer begleitete den Gottesdienst mit glockenreinen Stimmen musikalisch und verlieh ihm die gehobene Festlichkeit. Zum Auszug spielte die Blaskapelle Lambert Steiner.


Empfang im Altöttinger Rathaus

Zu einem offiziellen Empfang der Kreisstadt Altötting hatte danach der Erste Bürgermeister Herbert Hofauer geladen. Dabei trugen sich die drei Bischöfe ins „Goldene Buch“ der Stadt ein und erhielten ein Buchgeschenk. Die Gelöbniswallfahrt sei eine Besonderheit, sagte Hofauer, entstanden zur Erinnerung an Zeiten größter Not, in Liedern und Gebet gelebt auch in Altötting. Er dankte den Organisatoren und würdigte die Aufbauleistung der Donauschwaben in Bayern und ihren Mut, Brücken in ihre Herkunftsländer zu bauen. Eine Ausweitung Richtung Osten werde überlegt, noch heuer wolle er den Wallfahrtsort Maria Radna in West-Rumänien besuchen und Gespräche führen. – Erzbischof em. Dr. Robert Zollitsch von Freiburg sagte, Wallfahren sei ein wichtiger Bestandteil der Frömmigkeit bei seinen Landsleuten. In Altötting finde man immer eine freundliche Aufnahme und fühle sich hier wohl. Die Gelöbniswallfahrten der Donauschwaben hätten sich bewährt als Bindeglied, um die Menschen aus den Herkunftsländern zusammenzuführen. Donauschwaben seien geborene Brückenbauer, er selbst komme gerade von einer Friedenswallfahrt auf der Donau. „Ich bin ein überzeugter Europäer“, betonte Zollitsch, dabei liege die Zukunft Europas in der Hand der Gottesmutter. – MdB Stephan Mayer, als Staatssekretär im Innenministerium auch für die Belange der Vertriebenen zuständig und im Ehrenamt St. Vorsitzender der Union der Vertriebenen, dankte der Landsmannschaft der Donauschwaben für die Treue zu Altötting. Ihre Eingliederung sei gelungen, ihre Versöhnungsarbeit nach wie vor wichtig, die Bedeutung der Vertriebenenwallfahrten immer noch groß, weil die Vertriebenen in Zeiten des Populismus und Nationalismus Brückenbauer seien und Vorbild dafür zu erkennen, wo die eigenen Wurzeln sind. Er sei überzeugt von der Wichtigkeit der kulturellen Arbeit der Heimatvertriebenen und werde sich mit allen Kräften dafür einsetzen.


Marienliedersingen, Marienandacht

Am Nachmittag wurden traditionsgemäß in der Basilika Marienlieder gesungen. Die Marienandacht wurde von Msgr. Andreas Straub mit der Segnung der von den Pilgern erworbenen Devotionalien zelebriert. Auch eine Broschüre mit dem Lebensbild des Jesuitenpaters Wendelin Gruber, des Anregers der donauschwäbischen Gelöbniswallfahrten, konnten die Pilger erwerben.


Stefan P. Teppert




Maria, Mutter des Trostes


Zur traditionellen Wallfahrt „Kirche – Heimat“ auf den Dreifaltigkeitsberg bei Spaichingen, ausgerichtet vom St. Gerhardswerk, trafen sich am 23. Juni 2019 wieder donauschwäbische Heimatvertriebene und Aussiedler.


Lichterprozession

Danach nahm eine Lichterprozession bei einbrechender Dunkelheit ihren Ausgang an der Basilika, führte über den Kapellplatz und umrundete mehrfach unter Liedern, Gebeten und Anrufungen, die Wallfahrtsrektor Günther Mandel intonierte, die Gnadenkapelle. Trachtenträger schritten dabei voran und trugen ein Bild der Kirche Maria Radna, eine Kerze des St. Gerhardswerks mit Jubiläumsdatum sowie das Bildnis des Anregers der donauschwäbischen Gelöbniswallfahrten Pater Wendelin Gruber SJ, bis sich die Pilger unter den Bäumen vor der Kapelle sammelten, wo die Blaskapelle Lambert Steiner aus Sanktanna und die aus Altötting aufspielten und Lieder wie „Glorwürdige Königin“, „Seestern, wir grüßen dich“ oder „Segne du Maria“ gesungen wurden. Vorsänger Mandel wies darauf hin, dass in Altötting 1489 durch die Rettung eines in den Bach gefallenen, schon tot geglaubten Jungen das erste Wunder geschehen sei. Die 2000 an der Kapelle angebrachten Votivtafeln zeugen von vielen weiteren Knotenlösungen, jährlich kommen 30 neue dazu.


Zum Beginn des Wallfahrtsgottesdienstes begrüßte Superior Pater Alfons Schmid von den hier lebenden Claretiner-Mönchen die Pilger und wünschte ihnen „viel Freude hier auf dem Berg“ und „die Nähe Gottes und der Gottesmutter“.

Prof. Dr. Rainer Bendel als Organisator der Wallfahrt bestellte die Grüße von Erzbischof em. Dr. Robert Zollitsch, dem Vorsitzenden des St. Gerhardswerks, und lud dazu ein, der weltweit 70 Millionen Menschen zu gedenken, die heute auf der Flucht sind oder nicht in ihrer Heimat leben können.

Msgr. Andreas Straub EGR begann seine Predigt mit dem Hinweis, dass früher vor jeder donauschwäbischen Kirche eine Dreifaltigkeitsstatue errichtet wurde. Sie soll an den Vater als Schöpfergott, an den Sohn Christus, unseren am Kreuz gestorbenen Erlöser, und den Heiligen Geist erinnern, der uns seit Taufe und Firmung leitet. Für die Identifikation Jesu als Messias und Gesalbten Gottes, die keiner DNA-Spur bedürfe, müssten wir als Christen im Glauben verwurzelt und ein Leben lang dankbar sein, ganz im Sinne von Notker Wolf, des bekannten Benediktiners, wenn er über die Wurzeln für ein erfülltes Leben spricht. Als Getaufte, so der 82jährige Monsignore aus Bayreuth, bleiben wir auf ewig dem zugehörig, auf dessen Namen wir getauft wurden, und sind somit Geschwister Jesu. Schon mit dem Taufkleid hätten wir uns Christus angezogen. Von Klein auf sollte die Gottes- und Nächstenliebe in unsere Herzen gepflanzt sein. Straub mahnte die Wallfahrer, auch Farbe zu bekennen und ihrer christlichen Identität Ausdruck zu verleihen. Wir seien nicht dem Zufall ausgeliefert, sondern könnten frei handeln und in Liebe, ohne die das Leben verfehlt sei. „Als Christen wollen wir unser Leben in den Schoß der Heiligen Dreifaltigkeit legen“, schloss der emeritierte Visitator der Donauschwaben.

Der Chor der Banater Schwaben aus Spaichingen unter Leitung von Erich Meixner begleitete die Messe musikalisch und verlieh ihr die festliche Note.

Im Anschluss fand eine Begegnung der Pilger im Spaichinger Probelokal des Chors, dem Haus der Musik in der Hinteren Schulgasse statt, wo drei weltliche Lieder dargeboten wurden, bevor Hans Vastag anhand einer Fülle von Bildern das Wirken des Heiligen Gerhard und den sich um ihn rankenden Mythos aus wechselnden Perspektiven erläuterte. Nicht nur in Reliquien, Kirchen und Domen, Gedenkstätten, Gedenkmünzen und Geldscheinen, sondern auch in Urkunden und Büchern, Gemälden, Zeichnungen, Postkarten und Plakaten, Figuren und Wappen, in Gedichten und Liedern und nicht zuletzt in einem dramatischen Schauspiel von Annie Schmidt-Endres mit dem Titel „Kämpfer ohne Waffen“ hat sich die Persönlichkeit des in Murano in Venezien geborenen Predigers, Prinzen-Erziehers, Einsiedlers, Missionars und Märtyrers niedergeschlagen. Das St. Gerhardswerk führt ihn selbstverständlich in seinem Logo.

Ein Mittagessen im „Sternen“ in der Spaichinger Hauptstraße beschloss diese Wallfahrt.


Stefan P. Teppert

Jesu Hände blieben ausgebreitet

Gelöbniswallfahrt der Donauschwaben nach Bad Niedernau


Zum 39. Mal trafen sich die Donauschwaben an Christi Himmelfahrt 2019 in der Gedächtniskirche von Bad Niedernau, um das Gelöbnis einzulösen, das 73 Jahre zuvor Pater Wendelin Gruber den Internierten der jugoslawischen Vernichtungslager Gakowa und Rudolfsgnad bei Eucharistiefeiern abgenommen hatte, nämlich jährlich zu wallfahren, wenn sie die Todesnot überleben würden. 


Erzbischof em. Dr. Robert Zollitsch, der Vorsitzende des St. Gerhardswerks, zelebrierte die Eucharistie zusammen mit dem ebenfalls aus Filipowa stammenden Diakon Hermann Katona. In seiner Predigt verdeutlichte Zollitsch den Missionsauftrag Jesu bei seiner Himmelfahrt an seine Jünger. Er sei segnend geschieden, und seine Hände blieben ausgebreitet über diese Welt. Unter dieser Maßgabe sollten die Jünger das Evangelium verkünden, damit der Himmel mitten unter uns Gegenwart werden kann und die Rettung und Zukunft der Menschen ermöglicht. Der Erzbischof erinnerte daran, dass die Niedernauer Gedächtniskapelle vor 40 Jahren in Erfüllung des Gelöbnisses aus den Todeslagern und zum Gedenken an die Kirchen der Heimat aus Spenden der Donauschwaben errichtet worden sei. Sie sei auch ein Vermächtnis der Armen Schulschwestern zu Unserer Lieben Frau aus der alten Heimat, die hier ein halbes Jahrhundert lang gewirkt haben. Die Schwestern hinterließen diese Kirche als Botschaft, die zurück in die Vergangenheit reicht, aber nicht anklagt, sondern aus Erinnerung und das Herz öffnenden Dankbarkeit Brücken in eine versöhnliche Zukunft baut. Eben diese Absicht verfolgt auch eine Friedenswallfahrt der Donauschwaben nach Österreich, Ungarn, Serbien und Rumänien über Pfingsten, die Zollitsch ankündigte.

Adam Kupferschmidt rekapitulierte das Zustandekommen des Gelöbnisses bei Gottesdiensten im Lager Gakowa am 24. März 1946 und kurz darauf zu Pfingsten im Lager Rudolfsgnad. Pater Wendelin Gruber SJ war der Initiator der heute noch in Europa sowie Nord- und Südamerika stattfindenden Wallfahrten. Die Armen Schulschwestern zu Unserer Lieben Frau in Bad Niedernau sorgten dann dafür, dass auch der zweite Teil des Gelöbnisses erfüllt wurde, nämlich eine Gedächtniskirche zu bauen, wenn man in der neuen Heimat wieder zu Hab und Gut gelangen würde. Diese Kirche konnte aus Spendenmitteln erbaut und am 25. März 1979 zusammen mit 600 Pilgern von Bischof Moser eingeweiht werden. Sie sei, so Kupferschmidt, zu einem religiösen Zentrum der Donauschwaben geworden.

Agnes Kupferschmidt hielt daraufhin aus enger Verbundenheit heraus einen ganz persönlichen Rückblick auf ihre Erlebnisse mit den Armen Schulschwestern seit ihrer frühen Kindheit in Filipowa bis in die Gegenwart. Als Kind hielt sie die Schwestern wegen der vielfältigen Kontakte für Verwandte. Als die letzten Deutschen 1957 ihren Heimatort Filipowa verließen, gingen auch die Schulschwestern nach Deutschland und trafen sich in Bad Niedernau wieder, wo sie von der Diözese Rottenburg ein Haus bekamen. Ihr Kloster wurde zur eigenen Ordensprovinz, 1960 waren es 28 Ordensfrauen, 20 davon aus der Batschka, 15 aus Filipowa. Sie gründeten eine Förderschule für die Kinder von Spätaussiedlern, die sie 28 Jahre lang führten, und übernahmen den Sanatoriumsbetrieb bis 1989. Bad Niedernau ist für die Landsleute ein „Daheim“ geworden, besonders seit 1979, als die Kapelle eingeweiht wurde und die Gelöbniswallfahrer jährlich an Christi Himmelfahrt hierher pilgerten. Die Rednerin richtete die Grüße der letzten noch lebenden, heute 98jährig in einem Pflegeheim bei München lebenden Sr. Mechthildis an die Pilger aus und bedankte sich bei allen Schwestern. „Viele Jahre haben uns die Schwestern mit offenen Armen empfangen. An diesem Ort, in ihrer Kapelle, sagen wir danke allen Schwestern.“

Für die Planung und Gestaltung eines Dokumentationszentrums in Bad Niedernau ist der Kulturwissenschaftler Frank Lang zuständig. Er erläuterte im Anschluss im Freien sein Ausstellungskonzept am Beispiel der schon aufgestellten Stelen zu Pater Wendelin Gruber vor der Gedächtniskirche und der zu Schwester Oberin Benildis im Klostergarten. Dieser soll zu einem öffentlich zugänglichen Schau- und Informationsgarten ausgestaltet, das darin befindliche Gästehaus zur Unterbringung des Dokumentationszentrums genutzt werden. Auf mehreren Linien wird Wissen vermittelt: Stelen im Ort und im Klostergarten werden zur Geschichte von Bad Niedernau sowie der Donauschwaben am Beispiel der Filipowaer und der Schulschwestern erzählen; das Doku-Zentrum soll als Schauarchiv dienen, in dem Studenten arbeiten und vor Ort übernachten können; ein erweitertes Info-Angebot wird mehrsprachig im Internet abrufbar sein. Unter anderen Persönlichkeiten soll etwa Franz Xaver Raidt (1771 – 1849) Aufnahme finden, der 1804 das Anwesen im Katzenbachtal erwarb, auf dem – schon seit der Römerzeit bekannte – Heilquellen hervortreten. Er verstand es, aus einfachen Anfängen einen mondänen Bade- und Erholungsbetrieb zu machen, den auch die hochgestellte Gesellschaft „entdeckte“.

Ganz im Zeichen Marias und ihrer Mittlerrolle zum unbegreiflichen Gott stand die Maiandacht am Nachmittag. Bischof Zollitsch interpretierte die aus Filipowa nach Bad Niedernau gebrachte Statue der Gottesmutter mit Kind und Sternenkranz. Der vertrauensvolle Blick auf Maria gehöre zu uns, schloss er.

Für die festliche musikalische Umrahmung und Begleitung der von der Gemeinde gesungenen Lieder bei Eucharistiefeier und Maiandacht sorgten in einer seit 25 Jahren bewährten Weise an der Orgel Margrit Egge und mit ihrer wohlklingenden Sopranstimme Elisabeth Haumann. Sie bot solo Marienlieder wie „Maria, o vergiss mein nicht“ durch ihr ausgewogenes Vibrato überaus lebendig und ergreifend dar.

Dr. Rainer Bendel, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft katholischer Vertriebenenorganisationen (AKVO) in Stuttgart, der die Wallfahrt zusammen mit Agnes und Adam Kupferschmidt organisiert und die Pilger begrüßt hatte, moderierte auch den Ablauf der Veranstaltung.


Stefan P. Teppert

Tragweite der Charta der Heimatvertriebenen


Die in Stuttgart ansässige „Arbeitsgemeinschaft katholischer Vertriebenenorganisationen“ (AKVO) mit ihrem Geschäftsführer Prof. Dr. Rainer Bendel hatte – diesmal unter Federführung der sudetendeutschen Ackermann-Gemeinde – zur 71. Vertriebenenwallfahrt auf den Schönenberg bei Ellwangen Spitzenvertreter aus Kirche und Politik eingeladen. 200 Katholiken besuchten am 26. Mai 2019 das mit acht Zelebranten gefeierte Hochamt mit anschließender Glaubenskundgebung an dem herausgehobenen, die Landschaft prägenden Ort.

Vor dem Portal der Wallfahrtskirche begrüßte am Sonntagmorgen der Ellwanger Oberbürgermeister Karl Hilsenbek die versammelten Pilger mit dem Blickfang ihrer Trachten- und Fahnenträger. Für eine Friedensphase von nunmehr 75 Jahren seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs müsse man dankbar sein. Seither sei der Schönenberg auch ein Ort des Wiedersehens und der Begegnung. Am Tag der Europa-Wahl forderte Hilsenbek die Wallfahrer auf, zur Wahl zu gehen und für ein starkes Europa einzutreten, das sei ein wichtiger Schritt für eine gelingende Zukunft. Er bedankte sich beim Orden der Redemptoristen, die seit genau 100 Jahren den größten Wallfahrtsort der Diözese Rottenburg-Stuttgart betreuen. Er ist ein geistliches Zentrum mit Wallfahrt, Pfarrei und Landpastoral. Jedes Jahr kommen über 250.000 Besucher auf den Schönenberg, um zu beten und zu feiern.

Karl Sommer, der Vorsitzende der Ackermann-Gemeinde, bedankte sich für die Musik bei der Blaskapelle, begrüßte die Mitwirkenden und Gäste aus Tschechien und Deutschland und sagte dem Personal des Bildungshauses seinen Dank.

In der beliebten Wallfahrtskirche „Unsere Liebe Frau“, einem Juwel barocker Baukunst, eröffnete Dekan Matthias Koschar aus Tuttlingen mit sieben weiteren Geistlichen die Eucharistiefeier. Europa sei nicht nur ein Staatenbund und Zweckverband, sondern auch eine geistige Identität, zu der das Christentum mit seiner den Kontinent prägenden Kraft wesentlich beitrage, sagte der Bischöfliche Beauftragte für Heimatvertriebene und Aussiedler in der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Hauptzelebrant Weihbischof Dr. Pavel Konzbul aus Brünn in der Tschechischen Republik wies in seiner Predigt darauf hin, dass Ellwangen mit der mährischen, tschechischen, slowakischen und deutschen Geschichte verbunden sei. Nicht weit von hier wurde einst der mährische Erzbischof und Metropolit Sankt Method gefangen gehalten. Viele einstige Bewohner seines Landes hätten hier eine neue Heimat gefunden, wohl nicht nur deshalb, weil Ellwangen von Bombardierungen verschont blieb, sondern auch, weil die Beschützerin dieses Ortes, die Jungfrau Maria, „ihre Finger im Spiel hatte“. Im Evangelium, so der Bischof weiter, sei die Rede von den drei großen Geschenken Jesu an seine Jünger. Das Geschenk des Wortes habe die nicht nur symbolische Kraft, neue Welten zu schaffen. Das Geschenk des Geistes setze das Werk Jesu fort. Er ist notwendig, da der Glaube sich nicht allein auf die Schrift stützen kann, sondern der geistvollen Deutung bedarf. Das Geschenk des Friedens umfasst die „Gesamtheit aller Gottesgaben“. Was zum Frieden führt, ist unsere Bemühung um ein reines Gewissen und um eine tiefe Beziehung zu Gott.

Stellvertretend für die Herkunftsgebiete der Wallfahrer wurden mit Wappen und Bildern geschmückte Kerzen von Trachtenträgern zum Altar gebracht, so u. a. für das St. Gerhardswerk und die Eichendorff-Gilde, das Hauerland und das ostpreußische Ermland.

Der Schülerchor des Bischöflichen Gymnasiums in Brünn sorgte mit glockenreinen Stimmen und instrumentaler Begleitung (Violine, Klavier, Gitarre, Trommel) für eine schwungvolle, sehr sympathische Musikbegleitung. 

Raimund Haser befürwortete rhetorisch brillant in der anschließenden Glaubenskundgebung den „Einsatz für ein Europa der Völker“. Haser ist nicht nur Mitglied des 16. Landtags von Baden-Württemberg, sondern auch Präsidiumsmitglied im BdV auf Bundes- und Vorstandsmitglied auf Landesebene. In der CDU-Landtagsfraktion fungiert er als Sprecher für die Angelegenheiten der Vertriebenen. Darüber hinaus ist er Mitglied des Stiftungsrates des Naturschutzfonds Baden-Württemberg und der Donauschwäbischen Kulturstiftung des Landes. Leidenschaftlich warb Haser für die Europäische Union, suchte die unentschiedenen Wähler davon abzubringen, den Zweiflern und Kritikern zu folgen, sich stattdessen denjenigen zuzuwenden, die aus der Geschichte Deutschlands, der Heimatvertriebenen und des Kontinents die entscheidende Lehre gezogen haben, wie es bereits 1950 in ihrer Stuttgarter Charta die Heimatvertriebenen vorbildhaft getan haben. Haser charakterisierte deren weit blickenden, vom Geist der Versöhnung und der Einigkeit getragenen Inhalt: friedfertiger Verzicht auf Rache und Vergeltung, der unerschütterliche Glaube an ein geeintes Europa, Einheit nicht als Verwaltungskoloss, sondern in lebendiger Vielfalt, der (heute bereits erfolgte) Wiederaufbau Deutschlands und Europas, der Einsatz für ein Recht auf Heimat und der Kampf gegen solche Entrechtung als Weltproblem. Haser bezeichnete es als bemerkenswert, dass ausgerechnet diejenigen, die am wenigsten Schuld und am meisten Last zu tragen hatten, die nur mit einem Leben ohne Heimat ausgestattet waren, sich als erste Gemeinschaft in der neuen Bundesrepublik zu Vergebung und Versöhnung verpflichteten. Die Worte dieser Charta seien wegen ihres europäischen und globalen Ansatzes aktueller denn je, so der Politiker mit donauschwäbischen Wurzeln, weil sie den Weg in eine Zukunft weisen, die mit dem Schengenraum, der Freizügigkeit und dem Zusammenwachsen des Kontinents zum Teil schon Wirklichkeit geworden ist, konsequenter und erfolgreicher als anfangs gedacht, die aber zum großen Teil noch geschaffen werden muss.

Im Anschluss bot die aus sieben jungen Mädchen bestehende russlanddeutsche Tanzgruppe Dandelion auf dem Platz vor dem Tagungshaus drei Tanzchoreografien. Ihre unterschiedliche Thematik fand auch in verschiedenen Kostümen Ausdruck. Die positive Resonanz der Wallfahrer bestätigte die gute Arbeit des Ensembles.

Nach dem Mittagessen referierte Irina Peter über die „Verarbeitung von transgenerationalen Traumata der Russlanddeutschen in Kunst, Kultur und Medien“. Frau Peter wurde selbst noch in Kasachstan geboren. Seit 1992 lebt sie in Baden-Württemberg, hat Literatur und Psychologie studiert und beschäftigt sich mit der Geschichte ihrer Familie. Das bekannte Phänomen, dass Traumata sich auf Kinder und Enkel (auch über die Gene) übertragen können, obgleich diese bei der auslösenden Situation nicht beteiligt waren, fand sie im eigenen Familienkreis und bei sich selbst in Form von Misstrauen und Schweigen über schlimme Erfahrungen als Deutsche in der Sowjetunion und im sibirischen Gulag. Doch habe jeder auch die Chance, solche Belastungen zu überwinden, bevor sie sich zu psychischen Störungen entwickeln können. Irina Peter zeigte an etlichen Beispielen, dass traumatisierende Eindrücke nicht selten erst von den Enkeln wie eigene Erinnerungen verarbeitet werden und künstlerischen Ausdruck finden. Sie projezierte Bilder verschiedener Künstler auf die Leinwand und ließ im Film den 28jährigen Alexander Nick über sein Leben und seine Kunst sowie die Schriftstellerin Ella Zeiss zu Wort kommen. Weiterhin nannte sie u. a. die Dichter Viktor Heinz, Eleonora Hummel und Melitta Rohde sowie die Künstlerin Alvina Heinz.

Die Wallfahrt klang danach mit offenem Singen in der Kirche und einer Marienandacht mit Dekan Matthias Koschar aus.


Stefan P. Teppert